Wikis in der universitären Lehre: neue Lernformen durch verteiltes Wissen?

von Margit Pohl (Technische Universität Wien)

erklärt durch eine kognitionswiss. Theorie: distributed cognition –> kann helfen, Theorien zu entwickelten, Probleme und Anwendungsfelder zu identifizieren

distributed cognition

Wissen ist verteilt:

  • Wissen, das in einem Artefakt vergegenständlicht ist; Aufforderungscharakter, Beschränkungen (orale Kultur), Problem: "solo cognition" (was in der Lehre hergestellt wird, ist eigentlich künstlich, z.B. die Vermeidung der Nutzung von Taschenrechnern, obwohl diese in der Realität ) –> ist es sinnvoll, die Artefakte zu verwenden? Distributed cognition sieht es als Normalfall an, dass wir mit diesen Artefakten umgehen.
  • Wissen, das auf verschiedene Personen verteilt ist
  • distributed cognition richtet die Aufmerksamkeit auf den Kontext, in dem gelernt wird, da Lernen immer als sozialer Akt gesehen wird, der in eine bestimmte Umgebung eingebettet ist, z.B. in die Lerngruppe;
  • kooperatives Arbeiten: Wissen entsteht immer über soziale Beziehungen, dabei gibt es explizite und implizite Regeln der Zusammenarbeit (auch z.B. in Wikipedia)
  • beim kooperativen Lernen ist der Beitrag des einzelnen Lernenden nicht nachvollziehbar –> beim Wiki wird aufgrund der Zuordenbarkeit der einzelnen Beiträge (History-Funktion) die künstliche Situation geschaffen, dass der Lehrende nachvollziehen kann, welche Beiträge von welchem Lernenden erstellt wurden
  • Prozesse sind in der Zeit verteilt, Kognition findet immer nur in einem bestimmten kulturellen Kontext statt; z.B. Kultur beeinflusst die Frage, was gelernt werden kann

 

Wikis als Artefakt

  • von Hypertext geerbte Eigenschaften: Modularisierung, Linkstruktr, Verschwimmen der Grenze zwischen Leser und Autor (Landow: "wreaders")
  • ständige Veränderbarkeit des eigenen Texts durch andere Personen
  • diskursiver Charakter (Wissen wird ausgehandelt)
  • Microcontent –> hier Trend zu kleinen Inhaltseinheiten
  • Web 2.0: emergenter Charakter (Web 2.0 ist nichts absolut Neues, sondern etwas, was sich entwickelt; z.B. Verschwimmen der Grenze zwischen Leser und Autor war in Hypertext schon angelegt, wird aber mit Web 2.0 jetzt erst ermöglicht)
Offene Fragen bzgl. Wikis:
  • Aushandlungsprozesse von Wissen (z.T. durch software gestützt, z.T. durch Netiquette (vgl. Wikipedia): Wie finden diese Aushandlungsprozesse statt? Welche Formen von Wissen werden dadurch unterstützt? –> wegen fehlendem autoritativen Wissen, sondern Wissen ausgehandelt wird; was heisst es, dass nun kleinere Revisionen im Vordergrund stehen (Microcontent) für die Wissensart?
  •  Versionskontrolle/Feedback/Peer Review: Welche Auswirkungen haben bessere Feedback-Möglichkeiten, die Kontrolle der individuellen Beiträge der Studierenden und Peer Review?

empirische Studien zu Wikis

Kickmeier-Rust et al. (2006) - Bauwiki

Untersuchung der Verwendung von Wikis für Bauingenieure

Problem: wenig Eigenaktivität der Studierende

Fragebogenuntersuchung:

von Studierende angeführte Gründe für geringe Aktivität:

  • mangelhafte Usability von Wikis
  • geringe Motivation (kein wahrnehmbarer benefit)
weiterer möglicher Grund: Fehlen einer relevanten Grösse der Communiy

 

Webber, J. (2006): Collaborative writing…

  • 2 Gruppen untersucht: Mittelschüler und Berufstätige (unterschiedliche Einstellungen der beiden Gruppen)
  • Ergebnisse: gute Unterstützung kollaborativen Arbeitens, gute Dokumentation der geleisteten Arbeit
  • Fragebogenuntersuchung: aufgetretene Probleme: andere Studierende, die die eigene Arbeit verändern; peer reviw wird gering eingeschätzt, unterschiedliche Einschätzung durch Lehrende und Studierende